Thüringen - "Handball-Entwicklungsland"

1. Reihe: Tim Heinz (ThSV Eisenach), Nico Knauß (ThSV Eisenach), Steven Balik (Nordhäuser SV), Tobias Wiegand (SG Schnellmannshausen) 2. Reihe: Andreas Bocek (Trainer), Micky Schwarz (HSV Apolda), Michael Rehtanz (HV Ilmenau 55), Julius Brenner (ThSV Eisenach), Adrian Warlich (ThSV Eisenach), Ruben Arnold (Trainer) 3. Reihe: Moritz Raddau (SG Schnellmannshausen), Wieland Schneider (ThSV Eisenach), Franz Wachsmann (SV TC Behringen/Sonneborn), Enno Beyer (ThSV Eisenach), Lennart Bettels (SV Aufbau Altenburg), Martin Tredup (Physio)

Eindrücke vom Länderpokal (Deutsche Meisterschaften) des männlichen Jahrganges 2000  

Berlin, 15. bis 18.12.2016

Dass Deutschland 2016 Handball-Europameister wurde, ist bei Leibe kein Zufall. Der Deutsche-Handball-Bund (DHB) hat ein Nachwuchskonzept entwickelt, welches über 5 Jahre durch ein ausgefeiltes System von Auswahlmaßnahmen führt und im B-Jugendalter (16 Jahre) mit dem Länderpokal aller 20 Landesverbände (manches Bundesland ist geteilt) endet. Hier in der jeweiligen Landesauswahl am Start zu sein, ist für jeden Handballsportler ein absoluter Höhepunkt und zugleich Herausforderung, gilt es doch, sich mit den besten seines Jahrganges in Deutschland zu messen. Nun belegt hier seit über 10 Jahren die Landesauswahl von Thüringen konstant den 20. und damit letzten Platz. Auch der Jahrgang 2000 machte hier keine Ausnahme, obwohl sie in der Platzierungsrunde beim 25:27 gegen den Handballverband Niederrhein ganz dicht an einem Sieg dran waren. Woran liegt diese konstant schlechte Bilanz von Thüringen?

Zum von Zehnkampf-Olympiasieger Christian Schenk moderierten DHB-Info-Abend für alle Aktiven während der 4-tägigen Veranstaltung in der Bundeshauptstadt Berlin präsentierte der Nationalcoach Deutschlands Dagur Sigurdsson seine Erfolgsformel für den Handballsport, die aus 3 Komponenten besteht. Punkt 1 sind die angeborenen Fähigkeiten eines Spielers. Zu diesen werden nach seiner Meinung die antrainierten Fähigkeiten addiert. Entscheidend ist nun aber der 3. Punkt, nämlich die Einstellung zum Handballsport, welche aus seiner Sicht mit der anderen Summe nicht addiert, sondern multipliziert wird. Damit hat auch der nicht so talentierte Sportler nach dem Motto „Fleiß schlägt Talent“ hohe Erfolgsaussichten. Schaut man sich diese Erfolgsformel für Thüringen an, dann gibt es mit Sicherheit in einem Land mit über 2 Millionen Einwohnern genügend talentierte Kinder und Jugendliche. Punkt 1 wäre also erfüllt, aber man muss diese Talente natürlich auch finden und fördern. In Sigurdssons Heimatland Island (2. Platz bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking) hat das mit gut 300.000 Einwohnern schon bestens funktioniert. Der Knackpunkt in Thüringen sind dann aber auch die antrainierten Fähigkeiten und nicht zuletzt die Einstellung von Spielern, aber auch den Vereinen. Zweifellos gibt es eine Reihe von Vereinen mit einer guten Nachwuchsarbeit, aber das Fördersystem des DHB funktioniert seit Jahren besonders im männlichen Bereich im Freistaat nur sporadisch. Ein Kommen und Gehen auf der Landestrainerstelle tat hier sein Übriges. Ein Sichtungssystem in den Vereinen, über HFA-Auswahlmaßnahmen bis hin zu den DHB-Sichtungen blieb nur Stückwerk. Erst seit gut einem Jahr gibt es hier in den unteren Altersklassen auch dank der neuen Landestrainerin Claudia Stehr wieder Ansätze, die Hoffnung machen. Viele Landesverbände haben zum Zeitpunkt des Länderpokals ihre Talente in Leistungszentren und Sportgymnasien wie z.B. Magdeburg, Leipzig, Kiel und Flensburg konzentriert. Dieses ist in Thüringen im männlichen Bereich der ThSV Eisenach, wo Kooperationen mit einem Gymnasium und einer Regelschule bestehen. Nationalspieler wie Stefan Kneer wurden hier noch vor vielen Jahren hervorgebracht. Aktuell gibt es dort noch eine A-Jugend-Bundesliga Mannschaft. Aber was kommt danach? Nur auf den Zulauf zu warten, wird in Zukunft nicht mehr funktionieren, zumal das Jugendförderprojekt ausgelaufen ist. Hier sind die Verantwortlichen aber auch die Einstellung von Spielern und den Vereinen zum Handball in ganz Thüringen gefragt, will man ein gemeinsames Ziel erreichen.

Beim Info-Abend sprach DHB-Vizepräsident Bob Hanning u.a. davon, dass viel Geld in die Hand genommen wurde, um in den Landesverbänden Trainer zu finanzieren. Wo ist dieses Geld in Thüringen geblieben? Allein das äußerliche Auftreten der Thüringenauswahl in Berlin sprach hier Bände. Während alle Landesverbände mit Topausstattung am Start waren, mussten die Trainer Thüringens im Vorfeld bei der THV-Geschäftsstelle um ein einheitliches T-Shirt für die Auswahl kämpfen, welches dann noch jeder Spieler selbst bezahlen musste. Trotzdem haben die Jungen aus Eisenach, Schnellmannshausen, Behringen, Nordhausen, Apolda, Altenburg und Ilmenau ihr Bestes für den Freistaat gegeben und dabei so manche Klatsche einstecken müssen. Beim 20:43 zum Beispiel gegen den Handballverband Schleswig-Holstein (mit den Zentren Kiel und Flensburg) in der Gruppenphase konnte der Gegner seine Spitzenleute sogar schonen. Unter ihnen mit Juri Knorr, Sohn des Ex-Nationalspielers Thomas Knorr, ein besonderer Juwel, der aktuell für den VfL Bad Schwartau in der Jugend-Bundesliga auf Torejagd geht und dort pikanterweise vom Ex-Ilmenauer Martin Nirsberger trainiert wird. Am Ende setzte sich Sachsen-Anhalt mit dem Leistungszentrum SC Magdeburg gegen Berlin im Finale durch. Schleswig-Holstein wurde Dritter. Insgesamt muss den Handballfreunden in Deutschland mittelfristig nicht bange sein, denn der Jahrgang 2000 hat 4 Tage Handball auf Topniveau geboten. Für den Thüringer Handball-Verband aber gilt es, sich endlich auch Richtung DHB zu öffnen und nach vielen Querelen und einem im Vorfeld geplatzten Verbandstag neu zu sortieren. Vielleicht gelingt es den nun im November neu gewählten THV-Verantwortlichen den Reden auch Taten folgen zu lassen, die es u.a. dann den zukünftigen Handballtalenten des Freistaates ermöglicht, mit optimaler Vorbereitung und entsprechender Einstellung erfolgreicher zu sein, als ihre Sportkameraden in der Vergangenheit.